1,5 Milliarden Dollar wert – und am Ende doch nur heiße Luft? Das Londoner Start-up Builder.ai galt lange als große KI-Hoffnung. Mit seiner angeblich revolutionären Plattform sollte jeder ohne Programmierkenntnisse per Chatbot „Natasha“ mobile Apps bauen können. Schnell, günstig, automatisiert – so lautete das Versprechen. Unterstützt von Microsoft, dem Staatsfonds von Katar und weiteren Hochkarätern.
Doch was blieb davon übrig? Eine dürre LinkedIn-Mitteilung Ende Mai, in der das Unternehmen lapidar seine Insolvenz bekannt gab. Der Grund: „historische Herausforderungen“ und „Entscheidungen der Vergangenheit“, die die Finanzen „erheblich belastet“ hätten. Übersetzt: Es ist alles ziemlich den Bach runtergegangen.

Der Traum vom No-Code-Pizza-Bestellen
Gegründet wurde das Unternehmen 2016 unter dem Namen Engineer.ai vom britisch-indischen Unternehmer Sachin Dev Duggal. Seine Vision: App-Erstellung sollte so einfach werden wie „Pizza bestellen“. Klingt gut. Doch statt Tech-Revolution erleben wir gerade eher eine Episode „Kitchen Nightmares“ – Startup Edition.
Natasha oder nur Nachmacher?
Die Medienberichte der letzten Wochen haben das Firmenversprechen endgültig in seine Einzelteile zerlegt. Statt einer smarten KI soll „Natasha“ in Wirklichkeit auf die Arbeitskraft von 700 Programmierern in Indien gebaut haben. Die Kunden chatteten angeblich mit einer KI – aber am anderen Ende saß: ein Mensch. Oder eben viele.
Die „Times of India“ brachte es auf den Punkt: „How this billion-dollar startup made 700 engineers sitting in India pose as AI.“ Ein Satz, der fast klingt wie ein Kommentar unter einem viralen YouTube-Short – und tatsächlich erinnert die ganze Geschichte ein wenig an einen dieser Social-Media-Witze. Zum Beispiel diesen hier:
AI – An Indian
API – A Person in India
LLM – Low-cost Labour in Mumbai
AGI – A Genius Indian
GPT – Gujarati Professional Typist
Da ist die Pointe plötzlich näher an der Realität, als uns allen lieb ist.

Runde Sache: Scheingeschäfte inklusive
Als wäre das nicht genug, steht Builder.ai auch wegen mutmaßlicher Scheinumsätze mit dem indischen Social-Media-Unternehmen VerSe im Fokus. Bloomberg berichtete, dass zwischen 2021 und 2024 Gelder hin- und hergeschoben wurden – ein Vorgang, der in der Finanzwelt unter dem Begriff Round-Tripping bekannt ist. Ziel: Den Umsatz künstlich aufblähen. Laut Bericht wurde das Jahresergebnis so um bis zu 300 Prozent übertrieben.
Die Folge: Ermittlungen durch US-Behörden, eingefrorene Gelder, schwindendes Vertrauen. Laut Bloomberg könnten die Manager des Start-ups bald mehr Zeit mit Anwälten als mit Investoren verbringen.

Was bleibt?
Ein Ex-Milliarden-Startup, das nun ein Musterbeispiel für KI-Übertreibung und Scheininnovationen ist. Und eine Branche, die dringend mehr Transparenz braucht – nicht nur bei den Technologien, sondern auch bei den Menschen (oder Maschinen?) dahinter.
Builder.ai ist nicht das erste KI-Startup, das sich in großen Versprechungen verloren hat – aber selten war der Spagat zwischen Anspruch und Wirklichkeit so krass. Wenn 700 menschliche Programmierer als „KI“ verkauft werden, stellt sich die Frage: Wie viel „Künstliche Intelligenz“ steckt in manchen Lösungen überhaupt noch?
Vielleicht hilft es ja, sich in Zukunft das Akronym GPT nochmal bewusst zu machen – Gujarati Professional Typist. Ein bisschen Selbstironie tut schließlich auch in der Tech-Branche gut.
Eure Rookies,
Niklas & Jan
