Der KI-Boom bringt nicht nur neue Tools – sondern auch alte Ängste zurück. Seitdem künstliche Intelligenz immer stärker in den Alltag von Unternehmen dringt, steht eine zentrale Frage im Raum: Wie viele Stellen kann ein Unternehmen streichen, wenn es KI einsetzt?
Die Antwort darauf ist alles andere als einfach. Zwei Beispiele – IBM und Klarna – zeigen, wie unterschiedlich der Einsatz von KI verlaufen kann. Doch bevor wir auf die konkreten Zahlen schauen, lohnt sich ein Blick auf die grundsätzliche Dynamik.
KI ersetzt nicht einfach Jobs – sie verändert sie
Viele Unternehmen erhoffen sich durch den Einsatz von KI vor allem eines: Produktivitätsgewinne. Automatisierte Prozesse sollen Kosten senken, Fehler vermeiden, Entscheidungen beschleunigen. Und ja, das gelingt in vielen Fällen auch – zumindest auf dem Papier.
Aber was passiert mit den Menschen, deren Aufgaben plötzlich von einer KI übernommen werden?
Die einen sehen darin die Chance, Mitarbeitende von Routinetätigkeiten zu entlasten und für anspruchsvollere Aufgaben freizusetzen. Andere befürchten Massenentlassungen. Und beides kann passieren – je nachdem, wie die Einführung gestaltet wird.

Infografiken aus einer Studie der UIBH – Internationale Hochschule zur Frage, wie viel Angst Beschäftigte vor künstlicher Intelligenz haben, mit Blick auf die Gefahr eines Jobverlusts. Die große Mehrheit (75%) schätzt das Risiko eher gering ein.
Beispiel IBM: Erst Entlassungspläne, dann neue Stellen
Im Jahr 2023 verkündete IBM-CEO Arvind Krishna öffentlich, dass etwa 7.800 Stellen durch KI ersetzt werden könnten – rund 30 % der Positionen im administrativen Bereich. Neueinstellungen wurden vorerst gestoppt. Das Ziel: Prozesse durch KI verschlanken, vor allem im Personalwesen.
Heute, zwei Jahre später, sieht die Realität anders aus. IBM hat mehr Mitarbeitende als zuvor. Warum?
Zwar hat man KI-Tools wie AskHR und AskIT erfolgreich eingeführt, die z. B. 94 % aller Personalvorgänge und 70 % der IT-Support-Anfragen automatisieren. Doch anstatt die frei werdenden Ressourcen abzubauen, wurden sie in andere Unternehmensbereiche umverteilt. Krishna erklärt:
„Durch die Automatisierung konnten wir neue Investitionen in Bereichen wie Softwareentwicklung, Vertrieb und Marketing tätigen – dort, wo kritisches Denken und zwischenmenschliche Fähigkeiten gefragt sind.“
Kurz gesagt: KI hat nicht ersetzt – sie hat verlagert. Statt Stellen zu streichen, hat IBM sie umgewandelt.
Beispiel Klarna: Zu viel gestrichen – und wieder zurückgerudert
Ganz anders lief es beim schwedischen Zahlungsdienst Klarna. Dort setzte man stark auf ein eigenes KI-System, das auf der Technologie von OpenAI basiert. Ergebnis: 700 Kundendienstmitarbeitende wurden ersetzt, die Gesamtzahl der Beschäftigten sank von 5.000 auf rund 3.500.
Der Effekt? Kundenanfragen wurden deutlich schneller bearbeitet (von 11 auf 2 Minuten), und auch die Bewertungen waren anfangs positiv.
Doch dann kamen Qualitätsprobleme. Komplexe Anliegen wurden schlechter gelöst, der menschliche Austausch fehlte. CEO Sebastian Siemiatkowski gab zu, dass man es übertrieben habe – und kündigte an, wieder mehr Personal einzustellen, um die Balance zwischen Effizienz und Kundenbindung zurückzugewinnen.
Klarna hat also gelernt: Reine KI ersetzt keine Empathie.
KI gegen den Fachkräftemangel?
Neben der Frage nach Einsparungen stellt sich auch die umgekehrte Überlegung: Kann KI helfen, offene Stellen zu kompensieren?

Gerade in Deutschland, wo der Fachkräftemangel ganze Branchen lähmt, könnte KI hier eine wichtige Rolle spielen. Statt Menschen zu ersetzen, könnte sie fehlende Hände digital auffüllen – indem sie Prozesse vereinfacht, Verwaltung reduziert und vorhandene Mitarbeitende entlastet.
- Beispiel Pflege: Wenn KI die Dokumentation unterstützt, bleibt mehr Zeit für den Menschen.
- Beispiel Verwaltung: Wenn Routineprüfungen automatisiert laufen, können sich Fachkräfte auf anspruchsvolle Fälle konzentrieren.
KI als Verstärkung – nicht als Ersatz. Das ist ein denkbares Szenario, wenn die Technologie klug und verantwortungsvoll eingesetzt wird.
Nicht jede Branche profitiert gleich
Doch auch das ist wichtig: KI ist kein Allheilmittel – und nicht jedes Berufsbild lässt sich digitalisieren.
In der Industrie oder bei Wissensarbeit ist der Automatisierungsgrad deutlich höher als etwa im Handwerk, wo physische Arbeit dominiert. Dennoch kann auch hier KI helfen: Etwa bei der Verwaltung, Terminplanung, Angebotskalkulation oder Lagerverwaltung.
Das bedeutet: Auch Handwerksbetriebe können von KI profitieren – aber anders als Großkonzerne.
Während Klarna oder IBM ganze Abteilungen digitalisieren, nutzen Handwerksbetriebe KI eher zur Entlastung im Hintergrund – nicht auf der Baustelle, sondern im Büro.
Weniger Stellen? Oder nur andere?
Die Beispiele IBM und Klarna zeigen deutlich: KI verändert den Arbeitsmarkt – aber sie tut es nicht eindimensional. Sie ersetzt Aufgaben, keine Menschen. Sie schafft neue Jobs, während alte verschwinden. Und sie stellt Unternehmen vor strategische Entscheidungen: Was soll automatisiert werden – und was nicht?
Wer KI als reines Sparinstrument betrachtet, riskiert Qualitätseinbußen. Wer KI als Werkzeug versteht, das Menschen unterstützt, kann produktiver arbeiten und dem Fachkräftemangel begegnen, ohne Menschen überflüssig zu machen.
Die Zukunft gehört denen, die Mensch und Maschine gemeinsam denken.
Eure Rookies,
Niklas & Jan
